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alternovum Ausgabe 2/2021

Glück

Was die Philosophie dazu sagt. – Eine Betrachtung von Prof. Dr. Kirsten Meyer.

Berlin/Unterhaching, 21. Juli 2021

Was zeichnet ein glückliches und gutes Leben aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Philosophie seit der Antike. In der antiken Philosophie war Glück sogar das zentrale Thema. Die deutsche Rede vom „Glück“ ist nicht eindeutig.  Mit „Glück“ kann einerseits der glückliche Zufall gemeint sein, anderseits aber auch der glückliche Augenblick oder das Glück eines ganzen Lebens. Der antiken Philosophie geht es im Wesentlichen um das Lebensglück. Antike Philosophen sind sich außerdem darin einig, dass ein gutes Leben nicht allein vom Zufall abhängig ist. 

In der Apologie des Sokrates berichtet Platon, was der 70-jährige Sokrates vor Gericht zu seiner Verteidigung gesagt habe, als ihm 399 v. Chr. in Athen der Prozess gemacht wurde. Sokrates habe vorgebracht, dass ein unhinterfragtes Leben kein gutes Leben sei. Sokrates verbrachte seine Zeit daher mit dem Nachdenken über das Gute. Auch Aristoteles und Epikur plädieren für Lebensweisen, in denen das Glück nicht allein vom Zufall abhängig ist, weil man das eigene Glück zum Teil selbst in der Hand hat.

Für Aristoteles ist Glück eine Form des Handelns. Man soll auf vernünftige Weise tätig sein, um ein gelingendes Leben zu führen. Aristoteles denkt hier zum Beispiel daran, dass man politisch aktiv ist oder dass man philosophiert. Charakteristisch für Aristoteles ist, dass er die Frage nach dem guten Leben damit in Verbindung bringt, was den Menschen als Menschen ausmacht. Die Antwort lautet: der Gebrauch der Vernunft. Für Aristoteles sind vernünftige Tätigkeiten sogar an sich wertvoll – unabhängig davon, wohin sie führen.

Dagegen stellt Epikur die Philosophie ganz in den Dienst der Lebenspraxis. Eine Philosophie, die nicht in der Lage ist, einen Weg zum Glück zu weisen, ist für Epikur wertlos. Für Epikur geht es dabei allein um Freude und die Vermeidung von Leid. Zu dem so verstandenen Glück kann das Philosophieren seiner Meinung nach einen erheblichen Beitrag leisten. Die Philosophie könne uns zum Beispiel die Furcht vor dem Tod nehmen, indem sie uns klarmacht, dass alles Gute und Schlechte in der Empfindung besteht und dass wir nach dem Tod nichts mehr empfinden. Das Philosophieren könne also verhindern, dass das Leben aus sehr vielen leidvollen Augenblicken besteht und von einer ständigen Furcht vor der Zukunft geprägt ist. Daher solle man auch sein Verhältnis zum Luxus überdenken. Um nicht in ständiger Sorge davor zu leben, den Luxus wieder zu verlieren, solle man sich an ein einfaches Leben gewöhnen.

In der Antike gehen viele Philosophen davon aus, dass es eine für den Menschen optimale Lebensform gibt. Diese Überzeugung geht in der Philosophiegeschichte zwischenzeitlich verloren. So hält etwa John Locke (1632-1704) die antike Diskussion über das gute Leben für verfehlt. Manche Menschen suchen ihr Glück im Reichtum oder im Ruhm, andere hingegen tun dies nicht. Locke hält das für eine Geschmacksfrage. Daher meint er, der Streit über Fragen des guten Lebens sei ebenso vergeblich wie ein Streit darüber, ob Äpfel, Pflaumen oder Nüsse am besten schmecken.

Die zeitgenössische Philosophie hat das Thema Glück wieder aufgegriffen. Wir leben heute in ganz anderen Zeiten als Platon, Aristoteles und Epikur. Einige der antiken Positionen finden sich aber auch in den zeitgenössischen Diskussionen wieder. So vertreten auch heute manche Philosophen, wie schon Epikur, eine hedonistische Position. Demnach sei Glück die als positiv erlebte Qualität des Lebens. Andere zeitgenössische Philosophen verweisen stattdessen auf unsere Wünsche oder Ziele. Im Gegensatz zum Hedonismus vertreten sie die Auffassung, dass das Glück in der Erfüllung der Erwartungen an das eigene Leben besteht. Eine dritte Gruppe von zeitgenössischen Philosophen nennt sich selbst neo-aristotelisch. Wie bei Aristoteles wird hier der Bezug zur Natur des Menschen gesucht. Mit einer solchen Position besonders bekannt geworden ist die Philosophin Martha Nussbaum.

Was spricht nun jeweils für diese Positionen? Der Hedonismus greift eine wichtige Dimension unserer alltäglichen Vorstellung von Glück auf. Demnach ist glücklich, wer sich auch glücklich fühlt. Glück ist, das dürfte kaum strittig sein, zumindest auch eine Form des subjektiven Empfindens. Dabei geht es sowohl um eine innere Zufriedenheit, die ganze Phasen des Lebens begleitet, als auch um besonders glückliche Momente. Man könnte hier auch etwas allgemeiner von den guten Erfahrungen sprechen, die wir in unserem Leben machen.

Allerdings stellt sich die Frage, ob es beim Glück tatsächlich nur auf das subjektive Empfinden ankommt. Dagegen ist in der philosophischen Diskussion eingewendet worden, dass man Dingen, die einen nur aufgrund einer Täuschung glücklich gemacht haben, im Nachhinein keinen Wert beimessen würde. Angenommen, ein Schriftsteller fühlt sich glücklich, weil er meint, ein wirklich gutes Buch geschrieben zu haben. Er irrt sich jedoch. In Wahrheit wird das Buch von der Kritik zerrissen. Er weiß nur nichts davon und wird es auch nicht erfahren. Würden wir dann sagen, dieser Schriftsteller sei auch wirklich glücklich? Dieses Beispiel könnte zeigen, dass das empfundene Glück nicht alles ist, worum es im Leben geht. Aber was gehört dann noch zum Glück außer einem guten Gefühl? Hier kommt die zweite der eben genannten zeitgenössischen Positionen ins Spiel. Die Wunschtheorie würde sagen: eine Person führt ein glückliches Leben, wenn sie im Leben erreicht, was sie sich für ihr Leben wünscht.

Doch ist es nicht auch wichtig, welche Wünsche jemand hat? Manche Menschen haben zu geringe Erwartungen an das eigene Leben, weil ihnen eine Vorstellung davon fehlt, wie gut das Leben sein könnte. Hier setzt der neo-aristotelische Ansatz an. Martha Nussbaum will zwar niemandem ein gutes Leben absprechen. Aber sie möchte konkrete Hinweise darauf geben, was ein gutes Leben ausmachen kann. So gehören zu einem guten Leben beispielsweise ganz basale Dinge wie die Fähigkeit, sich guter Gesundheit zu erfreuen. Nussbaum verweist zudem auf Bindungen zu anderen Personen und auf Emotionen wie zum Beispiel Dankbarkeit. Weiterhin sei es wichtig, lachen und spielen zu können. Menschen sollten ihre fünf Sinne benutzen, sich etwas vorstellen, ihren Verstand gebrauchen und über ihr Leben reflektieren können. Auch die Fähigkeit, in Verbundenheit mit Tieren, Pflanzen und der ganzen Natur zu leben, taucht in Nussbaums Liste auf. Und schließlich nennt sie die Fähigkeit, sein eigenes Leben und nicht das Leben eines anderen zu leben, also die Fähigkeit zur Autonomie. Was hält diese Punkte zusammen? Nussbaum meint, dass man auf diese Auflistung komme, wenn man über die Grundstruktur der menschlichen Lebensform nachdenke, und das erinnert an Aristoteles.

Meines Erachtens würde allerdings auch eine hedonistische Perspektive für viele Einträge auf Nussbaums Liste sprechen. Sie nennt Aspekte des Lebens, die typischerweise als bereichernd erfahren werden. Dass dies typisch menschliche Erfahrungen sind, liefert zumindest Anhaltspunkte dafür, was man auch selbst als bereichernd erfahren könnte. Im Anschluss an die Überlegungen Nussbaums könnte man zum Beispiel den eigenen Bezug zur Natur erneuern. Falls man dies tatsächlich als Bereicherung erfahren würde, hätte die zeitgenössische Philosophie also einen Beitrag zum guten Leben geleistet. 

Ein etwas bescheidenerer Beitrag der Philosophie besteht aber schon darin, die Struktur der Überlegungen auszuloten, mit denen man selbst über das eigene Glück nachdenken kann. Geht es einem darum, wie gut sich das Leben anfühlt? Gibt es Wünsche an das eigene Leben, die gar nichts damit zu tun haben, wie viel Freude man im Leben hat? Ist es einem wichtig, dass die eigenen Wünsche einer kritischen Überprüfung standhalten? Welche Kritik würde man dabei für berechtigt halten? Selbst wenn John Locke also damit Recht hätte, dass das Glück eine Geschmacksfrage ist, so lehrt uns die Philosophie des Glücks doch zumindest etwas über den eigenen Geschmack.
 

Der antiken Philosophie geht es vor allem um das Lebensglück. Antike Philosophen sind sich darin einig, dass ein gutes Leben nicht allein vom Zufall abhängig ist.

Kirsten Meyer

Der Hedonismus greift eine wichtige Dimension unserer alltäglichen Vorstellung von Glück auf. Demnach ist glücklich, wer sich auch glücklich fühlt.

Kirsten Meyer

Die Autorin

Kirsten Meyer

Prof. Dr. Kirsten Meyer (*1974) ist seit 2011 Professorin für Praktische Philosophie und Didaktik der Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach Studien an den Universitäten Münster, Bielefeld und St. Andrews wurde sie 2002 an der Universität Bielefeld promoviert. An der Georg-August-Universität Göttingen hat sie sich 2009 habilitiert. – Ihr Vater, Rechtsanwalt Dr. Gerd Meyer, war von 2005 bis 2016 KWA-Aufsichtsrat.

Andere zeitgenössische Philosophen vertreten die Auffassung, dass das Glück in der Erfüllung der Erwartungen an das eigene Leben besteht.

Kirsten Meyer

Der neo-aristotelische Ansatz von Martha Nussbaum beschreibt gutes Leben unter anderem mit der Fähigkeit, sein eigenes Leben und nicht das Leben eines anderen zu leben, also mit der Fähigkeit zur Autonomie.

Kirsten Meyer

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