Menu
alternovum Ausgabe 2/2020

Heimat in Zeiten von Corona

Ein Beitrag von Prof. Dr. Hermann Bausinger.

Reutlingen, 15. Juni 2020

Kein ganz einfaches Thema. Die Mediziner sind nicht einig darüber, wie das Virus und damit die Pandemie funktioniert, und es gibt auch keine gesicherten Prognosen über die weitere Entwicklung der Krankheit. Die folgenden Beobachtungen und Überlegungen konzentrieren sich deshalb auf die Phase der hier im Land allmählich verebbten ersten Welle.

Beim Stichwort Heimat muss die Perspektive auf historische Veränderungen geöffnet werden. In der agrarischen, statischen Gesellschaft war Heimat die relativ nüchterne, aber positive Bezeichnung der eigenen Lebenswelt – Haus und Hof, Nachbarschaft und örtliche Zusammengehörigkeit. Als die wirtschaftliche Dynamik die Menschen aus ihren traditionellen Lebensbedingungen und angestammten Wohnplätzen löste, wurde Heimat zum sentimentalen Gegenbild: Heimat wurde zur Formel für die gute alte Zeit, die in Wirklichkeit für die Meisten sehr beschwerlich war, und den realen technischen Umbrüchen mit dem Vordringen mächtiger Fabrikanlagen wurde ein Idealbild der bäuerlichen Welt entgegengestellt und vor allem die freie Natur aufgewertet. Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus lauten die Eingangszeilen eines Lieds, das Mitte des 19. Jahrhunderts entstand – und das immer noch beliebt ist.

Die romantisch geprägte Vorstellung von Heimat reicht durchaus noch in unsere Gegenwart herein; aber die Szenerie hat sich weiter und gründlicher verändert. Der Warenverkehr ist mobiler geworden und hat fremde Dinge heimisch und manchmal heimatlich gemacht; wer denkt noch daran, dass Spaghetti bei uns erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Tisch kamen! Und es kamen auch fremde Menschen, beginnend mit den Heimatvertriebenen aus den östlichen Ländern und Provinzen, fortgesetzt mit den angeworbenen ‚Gastarbeitern‘ und danach mit den vielen in Deutschland Asyl Suchenden. Diese Fremden haben – oft bereitwillig, manchmal auch nur notgedrungen – hier eine neue Heimat gefunden. Und die Einheimischen, die früher größtenteils fest an einen Heimatort gebunden waren, verändern nicht selten ihren Standort – zwangsläufig wegen der Arbeitsmöglichkeiten oder aus anderen, überwiegend wirtschaftlichen Gründen, aber auch freiwillig als Touristen. Es fällt kaum mehr auf, wenn Leute von ihren zwei Heimaten reden – ein Plural, den man früher nicht kannte. Jedenfalls ist Heimat insgesamt beweglicher und vielfältiger geworden. 

Wie aber lässt sich das Verhältnis der unheimlichen physischen Krankheit zu den realen Gegebenheiten und den psychischen Vorstellungen von Heimat näher bestimmen? Es geht dabei um ein Zusammenwirken und ein Gegenspiel: Wie beeinflusst Corona – nicht primär als ausgebrochener Krankheitsfall, sondern als Ängste und Vorsichtsmaßnahmen auslösende Gefährdung – die Qualität von Heimat? Und wie wirken sich heimatliche Züge und die Gesamtstruktur von Heimat auf den Umgang mit der Pandemie aus?

Der Ausbruch der Seuche wurde oft als Parallele zum Kriegsende im Mai 1945 interpretiert – ein etwas merkwürdiger Vergleich, wenn man an die damals vorausgegangene Zeit und an die Erwartung des Kriegsendes denkt, das ja doch der Ausgangspunkt für eine lang friedliche Entwicklung war. Richtig ist aber, dass die in diesem Frühjahr von einem Tag auf den andern bekannt gewordene Gefährdungslage alle betraf, die ganze Nation und letztendlich die ganze Welt, wie es auch die Bezeichnung Pandemie ausdrückt.

Prinzipiell galt für alle Menschen, dass wichtige Teile der bis dahin üblichen, selbstverständlichen Verhaltensweisen nicht mehr möglich oder nicht mehr zulässig waren: Einkaufsgänge, wechselseitige Besuche, Treffen mit Freunden, Nutzung von Freizeitangeboten; aber auch so elementare Notwendigkeiten wie der Gang zur Arbeit und für Kinder und Jugendliche der Aufenthalt in Kitas und Schulen. Die Situation machte die Bedeutung von Gewohnheiten deutlich, über die man normalerweise nicht nachdenkt, weil es sich um Gewohnheiten handelt. Die Mangelsituation zeigte, dass Gewohnheit nicht nur eine erstarrte Form des Handelns ist, sondern eine im Lauf der Zeit aufgebaute innere Struktur. Ältere Menschen erfahren das, wenn sie gezwungen sind, ihre über Jahrzehnte verfestigte Lebensweise zu ändern; jetzt war es ein Lernprozess für alle.

Die durch Corona veranlassten und geforderten Einschränkungen haben auch sichtbar gemacht, welches Gewicht persönliche Begegnungen für das Befinden haben. Das ist eine Beobachtung, die sehr direkt zu zentralen Problemen von Heimat führt. Das Stichwort Heimat löst meist schnell Assoziationen aus, die auf ansprechende äußere Gegebenheiten gerichtet sind – Altstadtbezirke oder Überreste vom alten Dorf, womöglich mit Fachwerkbauten, vor allem aber auch die umgebende Landschaft, Wald, Wiesen und Felder. Die angeordneten und empfohlenen Einschränkungen haben diese Orientierung noch verstärkt. Schreibtischarbeiter und ganz generell die aufs Home-Office verwiesenen Frauen und Männer haben teilweise geeignete Picknickplätze, aber auch die Schönheiten der umgebenden Natur neu entdeckt. Möglicherweise hat diese Erfahrung der Devise Urlaub zuhause oder jedenfalls im eigenen Land direkt zugearbeitet.

Aber ob mit einem positiven Heimatverständnis gerechnet werden kann, ist nicht zuletzt eine Kommunikationsfrage: Es hängt ab von der Möglichkeit und Dichte der Begegnungen. Im alten Dorf war die enge Nachbarschaft eine Vorgabe dafür; in den größeren Gemeinwesen sortieren sich die Verbindungen nach sachlichen Interessen (etwa in kulturellen oder sportlich orientierten Vereinen) und nach festen Freundschaftsbeziehungen.

Als unerlässliche Bedingung für das Heimatgefühl wird mit Recht immer wieder erwähnt, dass man versteht und verstanden wird, dass man akzeptiert ist und dass der Zusammenhalt keiner besonderen Begründung bedarf.

Die Corona-Phase hat diese Bedingung nicht nur über die zwangsläufigen Störungen und sogar Zerstörungen von Gemeinsamkeiten ins Bewusstsein geholt, sondern auch durch Gegenstrategien ins Licht gerückt. Die Aufgabe, den als Risikopersonen definierten alten Leuten in der ihnen zugemuteten Isolierung zu helfen, wurde in vielen Fällen durch Nachbarn oder andere schon vorher Bekannte übernommen, wurde aber auch zum Betätigungsfeld relativ spontan gebildeter Gruppen und außerdem der schon vorhandenen Hilfsorganisationen. Auch sie waren bestrebt, die Hilfe nicht als – immerhin kostenlose oder kostengünstige – Dienstleistung vorzuführen, sondern als Ausdruck selbstverständlicher Solidarität.

Diese im Wesentlichen positiv bestimmten Befunde sind nicht an den Haaren herbeigezogen. Doch sollte nicht der Eindruck entstehen, die widrige Seuche und die mit ihr zusammenhängenden Veränderungen seien als Segen übers Land gekommen. Krisen verstärken und verschärfen in der Gesellschaft angelegte Tendenzen, und so ist es nicht verwunderlich, dass die virale Bedrohung auch Bösartigkeiten an die Oberfläche gespült hat. In krasser Form zeigten das Berichte über Vorfälle, bei denen nicht nur die Vorschriften des gebotenen Abstands ignoriert, sondern Personen absichtlich unmittelbaren Atemwolken ausgesetzt oder gar bespuckt wurden – sei es aus allgemeinen Hassgefühlen oder weil sie zu einer für die Krankheit beziehungsweise für die durch sie verursachten Beschränkungen verantwortlich gemachten Bevölkerungsgruppe gehörten. Schuldzuweisungen an Infizierte waren und sind in den meisten Fällen bornierte Vereinfachungen. Dies gilt für Einzelfälle; erst recht aber für die pauschale Verurteilung ganzer Bevölkerungsgruppen. 

Im Blick auf die stärker gefährdeten Alten (wie auch immer man ihre Gruppe nach Jahren definiert) muss hier an eine dubiose größere Frontstellung erinnert werden. Junge Leute suchten nach einer ziemlich kurzen Schockphase die alten Zustände schnell und vorschnell wieder herzustellen. Dabei wirkte sicher mit, dass sie im Gegensatz zu den Älteren Lebenswichtiges wie die gesicherte Arbeit, aber auch eine buntere Freizeitwelt verloren hatten; und zudem konnten sie eine Reihe fachlicher Annahmen über den je nach Alter verschiedenen Krankheitsverlauf in Anspruch nehmen. Aber die manchmal rücksichtslose Haltung gegenüber den Alten war nicht frei von kollektivem Egoismus.

Auch die rassistisch eingefärbte Haltung gegenüber Fremden kam mitunter zum Durchbruch. Die Pandemie war ja doch unbestritten ein Importprodukt, begünstigt durch die globalen Verflechtungen der Wirtschaft und auch durch die allgemein gewachsene Mobilität der Menschen. Trotz eindeutiger Zuordnungen richtete sich der Verdacht und der Vorwurf aber kaum gegen die Après-Ski-Helden von Ischgl oder die unersättlichen Fernflugurlauber, sondern gegen oft längst eingebürgerte Migranten mit der falschen Hautfarbe oder anderen Erkennungszeichen.

Man hat verschiedentlich kritisiert, dass die Aufregung um das neue Virus den nüchternen Blick auf andere große Probleme völlig verdrängt habe. Dies mag in der bedrängenden Anfangsphase so gewesen sein; im Ganzen trifft wahrscheinlich eher das Gegenteil zu. Gewiss, Fridays for Future taucht seltener in Leitartikeln auf, und Greta Thunberg hat sich etwas zurückgezogen. Aber die Allgegenwart der unbekannten Krankheit hat den Blick auf die sich erweiternden Wundstellen der Erde nicht verstellt; im Gegenteil wird die globale Seuche als Teil einer weltweiten Degeneration gesehen, und es gibt ernsthafte Überlegungen von Fachwissenschaftlern, welche die Entstehung der Krankheit auf den rabiaten Umgang mit der Natur und insbesondere der Tierwelt erklären. 

Als weiteres Beispiel für die Alarmfunktion der Seuche kann auch die Bewegung „Black lives matter“ verstanden werden. Die Aufstände und Appelle nach der Tötung eines farbigen Amerikaners fanden in vielen Ländern der Erde Tausende aktiver Demonstranten, die sich für eine gerechtere Prägung ihrer Heimat und damit der menschlichen Gesellschaft überhaupt einsetzen – und vielleicht spiegelte die grenzenlose Ausweitung des Protests die durch die Coronakrise hervorgerufene unbegrenzte schmerzliche Erfahrung. 

Es scheint mir nicht verkehrt, diese weltweite Öffnung zur Toleranz als indirekte Begleiterscheinung von Corona zu sehen. Aber es wäre wohl einseitig, die Seuche auf solche möglichen weltpolitischen Impulse allein festzulegen. Corona war und ist auch eine konzentrierte psychische Herausforderung jedes Einzelnen – als Belastung und als Chance. Die Krankheit samt der Gerüchtewelle, die sich darum entwickelt hat, dürfte bei allen einigermaßen sensiblen Personen Gedanken darüber ausgelöst haben, was zum Leben und im Leben wichtig ist und was man zurückstellen kann. Und, nicht zuletzt, die alte Formel, dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind, hat sich dringlicher gemeldet als sonst. Sie verweist einen Teil der Menschen auf religiösen Rückhalt, rückt aber allgemein in den Vordergrund die Forderung richtigen Lebens. Das ist, recht verstanden, die Verwirklichung von Heimat.

      
 

Die durch Corona veranlassten und geforderten Einschränkungen haben sichtbar gemacht, welches Gewicht persönliche Begegnungen für das Befinden haben.

Hermann Bausinger

Ob mit einem positiven Heimatverständnis gerechnet werden kann, ... hängt ab von der Möglichkeit und Dichte der Begegnungen.

Hermann Bausinger

Prof. Dr. Hermann Bausinger

Der Verfasser dieses Alternovum-Beitrags, Prof. Dr. Hermann Bausinger, hat unter anderem zusammen mit Muhterem Aras, der Landtagspräsidentin von Baden-Württemberg, das Buch „Heimat. Kann die weg?“ (Verlag Klöpfer-Narr, Tübingen) publiziert. Bausinger ist seit Jahrzehnten einer der einflussreichsten Kulturwissenschaftler Deutschlands. Bis zu seiner Emeritierung lehrte er in Tübingen Volkskunde. Geboren ist Bausinger auf der Ostalb – in Aalen.

Krisen verstärken und verschärfen in der Gesellschaft angelegte Tendenzen, und so ist es nicht verwunderlich, dass die virale Bedrohung auch Bösartigkeiten an die Oberfläche gespült hat.

Hermann Bausinger

Corona war und ist auch eine konzentrierte psychische Herausforderung jedes Einzelnen – als Belastung und als Chance. Die Krankheit samt der Gerüchtewelle, die sich darum entwickelt hat, dürfte bei allen einigermaßen sensiblen Personen Gedanken darüber ausgelöst haben, was zum Leben und im Leben wichtig ist und was man zurückstellen kann.

Hermann Bausinger

lesen Sie außerdem