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alternovum Ausgabe 3/2020

Herbert Hildisch – der „Rätselkönig“

Mit dem geliebten Hobby hält der 101-Jährige den Geist wach. – Ein Beitrag von Sieglinde Hankele.

Bad Dürrheim, 23. November 2020

Herbert Hildisch ist 101. Auf seinem Wohnzimmertisch liegen ein Rätselbuch, ein Rätselheft, Bleistifte, ein Radiergummi sowie einige feinsäuberlich beschriebene Zettel mit Rätseln. Bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass es identische Zettel gibt: Er vervielfältigt, indem er abschreibt. In schönster Handschrift.

Mit Rätselzetteln kommt er laut Hausleiterin Ileana Rupp gerne in Mitarbeiterbüros. Und auf den Gängen stellt er auch seinen Mitbewohnern Rätselfragen. Mitunter eine, die schon alle kennen. Denn: Sein Gedächtnis lässt ihn bisweilen im Stich. Er erkennt manchmal auch langjährige Mitbewohner nicht, fragt, ob sie neu sind – berichtet er mir. Doch bis auf die wirklich Neuen kennen und respektieren ihn alle: den „Rätselkönig“.

Auch ich soll ein Rätsel lösen. „Was ist der Unterschied zwischen Beamten im einfachen Dienst, im mittleren Dienst und im gehobenen Dienst?“ Es geht dabei um Arbeit, Verdienst und Urlaub. Ich komme nicht drauf. Die Lösung ist eine Grafik. Mit ruhiger Hand, ohne Lineal, zeichnet er ein Rechteck, teilt dies mit zwei Querstrichen und setzt ein Dreieck drauf. So sieht man, dass im gehobenen Dienst in der Spitze fast gar nicht gearbeitet, jedoch viel verdient und Urlaub gemacht wird. Viele seiner Rätsel haben Spaßcharakter. 

Das routinierte Zeichnen verweist auf seinen eigentlichen Beruf. Er war Bauingenieur, hat sehr lange beim Bau- und Sparverein in Ravensburg gearbeitet, als technischer Leiter. Geboren ist er in Cuxhaven, aufgewachsen in Hinterpommern, wo der Vater mit Holz handelte. Deshalb machte der Sohn zunächst eine Zimmermannslehre, studierte dann aber später in Stettin Hochbau. An seinem ersten Arbeitsplatz lernte er seine spätere Frau kennen – die Tochter des Chefs machte die Buchhaltung. 

Die Schwiegereltern flohen in den frühen DDR-Jahren über Berlin in den Westen. Das junge Paar tat es ihnen gleich, „weil man in der DDR ja immer aufpassen musste, wem man was sagte“. Ihren einzigen Sohn verloren sie, als dieser gerade mal zwanzig war. Ein schwerer Schicksalsschlag. Doch Herbert Hildisch hatte auch die Kriegsgefangenschaft in der Ukraine überstanden, nahm das Schicksal an. Er arbeitete viel, fand im Turnverein Ausgleich, beim Turnen an der Stange, beim Laufen im Freien, beim Speerwurf. „Und am Wochenende haben wir mit dem Auto Deutschland erkundet oder Verwandte besucht.“ Urlaub machte das Paar gerne in Österreich.

Als er in den Ruhestand ging, zogen sie in den Schwarzwald, in die Nähe von Verwandten. „Ich hatte damals Atemprobleme, musste immer inhalieren“, erinnert er sich. Der Arzt empfahl ihm deshalb, an die See zu ziehen oder nach Bad Dürrheim. Das Paar entschied sich für den heilklimatischen Kurort auf der Hochebene der Baar, zog 1998 im Kurstift ein. Und tatsächlich brauchte er bald nicht mehr inhalieren. Bis heute nicht. Das Paar sang im Chor mit, machte täglich ausgedehnte Spaziergänge. Er ging auch gerne zur Herrenrunde. Seine Frau ist vor vier Jahren verstorben. – Das Essen lässt er sich seitdem in die Wohnung bringen. 

Seit ein paar Jahren kann er nicht mehr gut laufen, seine Beine sind ziemlich steif. Die Ursache sei ein Bandscheibenvorfall. Von einer OP riet man ihm ab, die beschriebenen Risiken gefielen auch ihm selbst nicht. „Ich wollte lieber einen klaren Verstand behalten“, sagt er. Mobilität sichert ihm ein Rollator.

Seine Tage verlaufen gleichförmig und ruhig. Beim Frühstücken liest er die Zeitung. Er interessiert sich insbesondere für das, was in Bad Dürrheim gerade los ist – obwohl er es sich nicht mehr merken kann. Tagsüber vertreibt er sich viel Zeit mit Rätseln. „Das macht mir einfach Spaß.“ Abends schaut er im Fernsehen Nachrichten. Um sieben Uhr steht er auf, mittags ruht er im Sessel, um 21 Uhr geht er schlafen.

Bis heute führt er seinen kleinen Haushalt selbst, macht das Bett, hält Ordnung. Er kleidet sich immer noch selbst an, rasiert sich auch selbst. Zurzeit trägt er ein Oberlippenbärtchen. – Vielleicht trug er ja auch eines als junger Mann? Aus seinen Studentenjahren stammen jedenfalls Streichholz-Kniffeleien. „Die Spielchen sind mir vor ein paar Jahren plötzlich wieder eingefallen“, sagt Herbert Hildisch. Auch ich soll ein Streichholz-Rätsel lösen. Es gelingt mir fast. Ein einziges Hölzchen legt er noch um.

 

Folgende Info zu seinem Familiennamen lieferte Herbert Hildisch nach: Ein Fachkundiger hat festgestellt, dass der Name "Hildisch" sorbisch ist. Sorben leben heute noch im Spreewald und in Sachsen. Mein Vater hat in Zscheila (Meißen), einer Hochburg der Sorben, das Licht der Welt erblickt. "Hild" heißt auf Deutsch "Held" und die Endung -isch ist üblich wie bei energisch oder griechisch. Mein Urahne muss demnach ein tapferer Krieger gewesen sein.

Vielen Dank für diese Ergänzung!

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Extra-Tipp

Wenn Bilder mehr sagen als Worte... Im Sommer 2018 gab es im KWA Kurstift Bad Dürrheim eine Ausstellung mit Fotografien von Roland Sigwart. Er hat Stiftsbewohner zusammen mit einem Gegenstand aufgenommen, der ihnen wichtig ist weil er bspw. für ein Hobby steht. Auch von Herbert Hildisch gab es zur Ausstellung ein Foto: mit Holzstäbchen, welche seine Streichholz-Rätselaufgaben symbolisieren. >> Zur digitalen Bilderausstellung.

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