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alternovum Ausgabe 1/2022

Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein

Alltagsbetreuung von Menschen mit Pflegebedarf im "Haus Tuniberg" in Bad Krozingen spricht verschiedene Interessen an. – Ein Beitrag von Sieglinde Hankele.

Bad Krozingen, 14. April 2022

Zum KWA Parkstift St. Ulrich gehört das „Haus Tuniberg“. Hier leben derzeit 51 Seniorinnen und Senioren, die mit Pflegebedarf eingezogen sind. Doch wer denkt, dass mit ihnen gesungen und gebastelt wird, liegt daneben. „Dieses Klischee erfüllen wir nur dann, wenn Menschen einziehen, die auch vorher gerne gesungen oder gebastelt haben und dies fortführen möchten“, sagt Tamara Stang. Sie leitet die Alltagsbetreuung. „Man darf älteren Menschen nicht das Gefühl geben, dass sie von uns betreut werden wie im Kindergarten. Sie verdienen allerhöchsten Respekt“, betont Stang.  

Allen 51 Bewohnern stehen gemäß Sozialgesetzbuch pro Woche zumindest 20 Minuten Einzelbetreuung zu. „Diese Zeit nutzen wir gezielt, um individuelle Interessen und Wünsche zu bedienen“, sagt die Sozialarbeiterin. Sie hat ein starkes Team mit verschiedener Expertise hinter sich: eine ihrer vier Mitarbeiterinnen weiß viel über Kultur und andere Länder, eine andere hat geisteswissenschaftlichen Hintergrund und gute botanische Kenntnisse, wieder eine andere ist religiös verortet und dadurch eine gute Gesprächspartnerin für Menschen mit spirituellem Interesse.

Einzelbetreuung berücksichtigt Vorlieben und Fähigkeiten

„Es ist wichtig, dass wir uns immer die Person und ihr bisheriges Leben anschauen“, sagt Stang. Viele legen Wert darauf, dass sie weiterhin selbstständig leben können, hegen und pflegen Zimmerpflanzen oder ein anderes geliebtes Hobby. Sie legen auch selbst fest, wie sie die Einzelbetreuung nutzen – für Gespräche, für Spiele, für eine Fahrt an einen für sie bedeutsamen Ort oder was auch immer. Freilich gibt es auch Bewohner, die nur noch bedingt für sich selbst sprechen können. Für ihre Betreuung sind Auskünfte von Angehörigen bzw. Betreuern bedeutsam. Mit Klangschalen, Düften, Handmassagen und Vorlesen erreichen die Betreuungskräfte auch stark eingeschränkte Bewohner.

Gruppenbetreuung sorgt für Gruppendynamik 

Sitzgymnastik und Sitztanz sind feste Gruppenangebote. Damit fördern die Betreuungsmitarbeiterinnen die Mobilität und das Koordinationsvermögen ihrer Schützlinge, bringen zudem Dynamik in Bewegungsabläufe. Alternativ setzen sie auch Yoga-Übungen ein, zur Verbesserung der Körperwahrnehmung. Das Angebot Gedächtnistraining hat teilweise spielerischen Charakter, verlangt jedoch Konzentration und birgt enormen Nutzen. Die Zeitungsrunde führt oft zu Diskussionen über das aktuelle Weltgeschehen.

Tamara Stang

Sie verantwortet die Alltagsbetreuung im Haus Tuniberg, ist zudem Ansprechpartnerin für An- und Zugehörige, Ehrenamtliche, Sozialstationen und Kliniken – in enger Zusammenarbeit mit Pflegedienstleiterin Janis Kühn. Mit dem KWA-Pflegedienst des Hauses Tuniberg tauscht sich Tamara Stang täglich aus, sodass Pflege und Betreuung ineinandergreifen. 

Wissenswert

Alle Betreuungskräfte des Hauses Tuniberg sind ausgebildete Alltagsbegleiterinnen, dürfen Leistungen nach SGB XI erbringen. Da KWA ein anerkannter Träger ist, kann Betreuung mit der Pflegekasse abgerechnet werden. 

Gespräche erhalten das Kommunikationsvermögen

Gemeinsames Frühstücken, Mittagessen und Abendbrot ist ein festes Ritual, strukturiert den Tag und animiert die Bewohner zu Gesprächen. Lob und Kritik sowie Wünsche an die Küche gibt das Betreuungsteam weiter. Der Menüplan ist für viele ein wichtiges Thema. Drei Gerichte stehen mittags täglich zur Wahl, können mit verschiedenen Beilagen kombiniert werden. Ein weiteres beliebtes Thema sind Neuigkeiten, beispielsweise zu bevorstehenden Festen und Feiern. Beim Männerstammtisch im Haus Tuniberg geht es oft um Politik und den Dauerbrenner Fußball.

O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt, Betrachte, was noch einem jeden bleibt!

Johann Wolfgang von Goethe

Kultur spricht den Geist an 

Unter den Bewohnern sind aber auch so einige „Bücherwürmer“ und Kulturinteressierte. Sie nutzen gerne das Kulturprogramm des benachbarten Wohnstifts, gehen je nach Neigung zu Lesungen, Konzerten oder Vorführungen dorthin. Wer den Weg nicht mehr alleine schafft, kann sich von einer Betreuungskraft begleiten lassen – und einfach nur genießen, vielleicht auch am Folgetag davon berichten. Bei vielen beliebt sind die sommerlichen Konzerte im Garten des Hauses Tuniberg, desgleichen Matinees, die Musiker mehrmals im Jahr im Pflegewohnbereich abhalten.

Natur spricht die Sinne an

Der Stiftspark mit seinen alten Bäumen und den attraktiven Beeten lockt zu Spaziergängen. Tamara Stang und ihr Team holen die Natur zudem gerne ins Haus, um auch hier möglichst viele Sinne anzusprechen. Jetzt zu Ostern mit dem Gelb von Narzissen und ihrem Duft. Sprießende Zweige können auch betastet werden. So können auch Bettlägerige den Jahreslauf aus nächster Nähe miterleben. 

 

Sterben gehört zum Leben

Alle Betreuungsmitarbeiterinnen sind in Sterbebegleitung geschult, gehen auf Fragen und Wünsche ein, stimmen sich mit den Palliativfachkräften des Pflegedienstes ab. Verstorbene werden dann auch würdevoll verabschiedet. In einem Bilderrähmchen verweisen ein paar Zeilen und Blumen auf ihn oder sie. Gleichzeitig sorgen die Betreuungskräfte dafür, dass das Leben im Haus Tuniberg im Vordergrund steht.

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