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alternovum Ausgabe 1/2021

Multikulturelle Teams: Als Führungskraft muss ich Vorbild sein

Gedanken zur Vielfalt der Kulturen am Arbeitsplatz. – Ein Beitrag von Stefan Linke.

München, 15. April 2021

Wir alle lieben Urlaub – gerne auch mal in einem bis dahin unbekannten Land, bisweilen auch auf einem anderen Kontinent. Was im Urlaub reizvoll ist, kann am Arbeitsplatz allerdings schnell zu Konflikten führen. Die „Andersartigkeit“ des Kollegen stößt schnell auf Unverständnis und Ablehnung:

  • Die Emotionalität des bosnischen Kollegen irritiert,
  • das höfliche Auftreten des vietnamesischen Mitarbeiters reizt und
  • das vorlaute Gebaren des amerikanischen Kollegen stößt ab.

Immer wieder gibt es in der Begegnung mit ausländischen Kollegen etwas zu kritisieren, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind, die den eigenen Unmut auslösen. Denn mit seinem Verhalten widerspricht der Kollege den Gepflogenheiten am Arbeitsplatz. „So läuft es und nicht anders“, mag der Einzelne denken. Von Weltoffenheit und einem sozialen Umgang ist in solchen Momenten wenig zu spüren. So kann die Vielfalt der Kulturen zu einer Belastung für die Zusammenarbeit werden. Mögliche Potentiale multikultureller Teams scheinen in der Pflegewelt bislang wenig bewusst zu sein – trotz der unübersehbaren Vielfalt an Menschen.

Studien zufolge hat etwa ein Fünftel der Mitarbeiter in der Altenpflege einen Migrationshintergrund, mit regionalen Schwankungen sind es bis zu 80 Prozent. Im Georg-Brauchle-Haus liegt der Anteil der Mitarbeiter mit Migrationshintergrund im ambulanten Dienst bei 67%. Die Mitarbeiter stammen aus 11 verschiedenen Ländern. In der Tagespflege liegt der Anteil bei 50%. Die Mitarbeiter stammen hier aus 7 verschiedenen Nationen. Noch stärker vertreten sind multikulturelle Teams in den Hauswirtschafts- und Reinigungsbereichen, da es sich hier um leicht erlernbare Dienstleistungen handelt. 

Als Führungskraft gilt es, potenziellen Spannungen aktiv gegenzusteuern. Bei den Mitarbeitern und bei sich selbst. Hier geht es um die Wahrnehmung der Führungsrolle als Vorbild. 

Multikulturelle Teams als Führungsherausforderung:
5 Ansätze, wie es gelingen kann

Sensibilisierung für eine entscheidende Tatsache: Es gibt Unterschiede zwischen den Herkunftsländern – gerade auch am Arbeitsplatz. Je besser die Führungskraft und die Mitarbeiter dies wahrnehmen, akzeptieren und kommunizieren, umso besser wird nicht allein die Zusammenarbeit gelingen, sondern die Vielfalt kann zum Gewinn für alle Beteiligten werden.

Ansatz 1: Vertraut machen

Zweifelsfrei wird man das eine oder andere bereits über die andere Kultur wissen. Dennoch ist es für eine Führungskraft lohnenswert, sich gerade mit anderen Denkansätzen und der kulturellen Logik vertraut zu machen, da diese verstärkt in den Arbeitsalltag einfließen werden. Die Beobachtung, Wahrnehmung und Unterstützung der Mitarbeiter, die aus einem anderen kulturellen Umfeld stammen, ist von großer Bedeutung. Relevante Themen müssen offen angesprochen werden, insbesondere in Teamdiskussionen. Hier besteht die Möglichkeit, wichtige Informationen zu erhalten, die die Führungskraft nutzen kann.

Ansatz 2: Vorurteile benennen

Dafür ist eine Voraussetzung, sich zunächst mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen. Darüber hinaus ist es wichtig, auf Vorurteile zu achten, die Mitarbeiter äußern. Offen wird hier kaum jemand zugeben, dass er dem ausländischen Kollegen befangen gegenübertritt. Deshalb ist es unabdingbar, dass gerade Führungskräfte und Teamleitungen auf Spitzfindigkeiten, Witzeleien und ironische Bemerkungen reagieren und nicht darüber „hinweghören“. 

Führungskräfte sollten in multikulturellen Teams – gerade im Rahmen der Teambildung – ohne Scheu ruhig einmal das Thema „Vorurteile“ diskutieren. Hilfreich ist dabei, von „kulturellen Unterschieden“ zu sprechen, damit Mitarbeiter sich öffnen und sich trauen, Gedanken und Ansichten offenzulegen. Anschließend sollte gemeinsam geprüft werden, was ein Vorurteil, was ein Klischee und was kulturell korrekt ist.

Ansatz 3: Die Andersartigkeit kommunizieren

Führungskräfte können gemeinsam mit ihrem Team Missverständnisse bereinigen, indem sie beispielsweise Situationen in Rollenspielen nachstellen. Die Mitarbeiter werden gebeten, beim Spiel auf Nuancen in der Kommunikation zu achten, die zu den Missverständnissen geführt haben. Gemeinsam werden anschließend die Wahrnehmungen diskutiert. Aus diesen Erkenntnissen entwickeln die Teams gemeinsam mit ihrer Führungskraft verbindliche Richtlinien und/oder Team-Spielregeln, die das Miteinander und die Zusammenarbeit erleichtern.

Ansatz 4: Spielregeln aufstellen

Das Team stellt während des Teambildungsprozesses Spielregeln auf, an die sich die Teammitglieder halten. Gerade multikulturelle Teams sollten die Spielregeln erweitern, beispielsweise um Regeln wie:

  • Wir respektieren die Eigenschaften des anderen, auch wenn sie uns fremd sind.
  • Wir sprechen Unterschiede offen an.
  • Wir kommunizieren Irritationen und Missverständnisse offen und sofort. 
  • Wir lernen voneinander.
  • Wir lassen uns gegenseitig ausreden. 
  • Wir lernen, eine Meinung unseres Gegenübers auch mal unkommentiert gelten zu lassen. 

Damit die Spielregeln auch umgesetzt werden, sollte gleichzeitig überlegt werden, welche Realisierungsschritte jeder in seinem Verhalten aufnehmen sollte, als auch, in welchen regelmäßigen Abständen eine Teamsitzung zum Thema „Spielregeln“ geplant wird, um zu prüfen, ob das Team noch auf Kurs ist.

Ansatz 5: Die Stärken nutzen

Jeder Mitarbeiter hat besondere Stärken. Jede Kultur aber auch. Für die Führungskraft ist es hilfreich, die jeweiligen Stärken der einzelnen Mitarbeiter zu kennen. Sie sollten über folgende Aspekte reflektieren:

  • Welche Fähigkeiten, Potentiale und Kompetenzen haben Mitarbeiter mit Migrationshintergrund?
  • „Andere Länder - Andere Sitten“. Auch in der Pflege. Die Mitarbeiter tauschen sich darüber aus.
  • Für welche Aufgaben können welche Mitarbeiter eingesetzt werden?
  • Welche Aufgaben können Führungskräfte an Mitarbeiter delegieren?
  • Wie können Mitarbeiter gecoacht werden? – Egal welchen Pass sie haben. 
  • Welche Weiterentwicklung bzw. Weiterbildung ist für welchen Mitarbeiter sinnvoll?
  • Welche kulturelle Mischung ist für das Team gewinnbringend?

In anderen Arbeitsbranchen werden unter dem Stichwort „Diversity Management“ Teams bewusst multikulturell und gewinnbringend zusammengesetzt. Vielleicht kann die Pflege sich hier ja ein Vorbild aus anderen Branchen nehmen.

Aufgrund des Pflegekraftmangels findet in Deutschland schon lange eine Anwerbung von Pflegepersonal aus Asien und Osteuropa statt. Dennoch ist das Thema Migration immer noch ein heiß diskutiertes Thema. Deutschland bzw. die deutsche Pflegelandschaft ist mittlerweile von Zuwanderern abhängig. Umso mehr sind neue Richtlinien und Herangehensweisen notwendig, um diesen Menschen den Einstieg und die Zusammenarbeit in den multikulturellen Teams zu erleichtern. – Eine Herausforderung für Führungskräfte, die es anzunehmen gilt!

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